Matthäus: Jesus ist der verheißene Messias

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Das jüdische Evangelium

Wenn du das Neue Testament zum allerersten Mal liest, überrascht dich vielleicht am meisten die Tatsache, dass die Geschichte von Jesus nicht einmal sondern insgesamt viermal erzählt wird: Die „Evangelien“ nach Matthäus … Markus … Lukas … und Johannes. Aber warum gibt es vier Evangelien im Neues Testament? Warum wird die Geschichte nicht nur einmal erzählt? In den letzten Jahrhunderten gab es zahlreiche Versuche, die Evangelien „in Einklang zu bringen“ und zu einer einzelnen Geschichte zusammenzufassen.

Eines der frühesten dieser Werke stammt von dem frühen Kirchenvater Tatian aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus. Sein Werk wurde Diatessaron genannt, was „durch die vier“ bedeutet. Sein Ziel war es, die vier Berichte zu einer einzigen Erzählung zu verweben. Tatians Werk erfreute sich großer Beliebtheit und wurde in einigen christlichen Gemeinden jahrhundertelang als Hauptlektüre zu den Evangelien verwendet.

Sollten wir also nur ein Evangelium haben? Für diejenigen, die glauben, dass die Bibel Gottes Wort ist, sollte die Antwort ein schallendes „Nein“ sein! Schließlich war es der Heilige Geist, der uns vier Evangelien gegeben hat, die alle von Gott selbst inspiriert wurden. Wenn wir sie ausschneiden und zu einem einzigen Evangelium zusammenfügen, machen wir aus vier vom Heiligen Geist inspirierten Meisterwerken ein uninspiriertes menschliches Werk. Manche christlichen Gemeinden, Schulen und Hochschulen lehren die Evangelien als ein angeglichenes „Leben Christi“, anstatt jedes Evangelium für sich zu hören. Ihr Ziel ist einerseits ehrenhaft: die ganze Geschichte Jesu zu erzählen – aber das Ergebnis ist mangelhaft. Das liegt daran, dass jedes Evangelium ein einzigartiges Porträt von Jesus darstellt. Jeder Autor eines Evangeliums erzählt eine besondere Geschichte und betont bestimmte theologische Themen. Wenn man sie zu einer einzigen Geschichte zusammenfasst, läuft man Gefahr, die einzigartige Perspektive jedes einzelnen Evangeliums zu verpassen. Schlimmer noch, wir riskieren, die Botschaft des Heiligen Geistes zu verpassen, die uns durch den Text vermittelt wird.

Das Evangelium des Messias

Obwohl es wahrscheinlich nicht das erste Evangelium ist, das geschrieben wurde (diese Ehre kommt wahrscheinlich Markus zu), steht das Evangelium nach Matthäus an erster Stelle in unserem Neuen Testament. Das passt auch gut so, denn das Matthäusevangelium ist das „jüdischste“ der vier und ist auch am engsten mit dem Alten Testament und den Prophezeiungen über das Kommen des Messias verbunden. Das zentrale Thema von Matthäus ist Verheißung und Erfüllung: Die Verheißungen Gottes in den hebräischen Schriften, seinem Volk Israel und der ganzen Welt das Heil zu bringen, erfüllen sich mit dem Kommen des Messias Jesus. Die Antwort der Gemeinde auf diese frohe Botschaft sollte sein, in alle Welt zu gehen und die Menschen Jesus, dem Messias, zu Jüngern zu machen. (Matthäus 28,18-20)

Der Stammbaum

Jede Seite des Matthäusevangeliums ist von den Themen der Verheißung und Erfüllung durchdrungen. Das Evangelium beginnt mit den Worten: „Buch des Ursprungs von Jesus Christus, dem Sohn Davids, der ein Nachkomme Abrahams war“, gefolgt von einem detaillierten Stammbaum über 41 Generationen! Während manche westliche Kultur in der Regel wenig Interesse an Stammbäumen hat und sie als langweilige Kuriositäten betrachtet, sahen Matthäus und seine Leser diese Ankündigung als die aufregendste Nachricht aller Zeiten. In diesem Stammbaum wird Jesus als „Sohn Abrahams“ und „Sohn Davids“ vorgestellt, was bedeutet, dass er von zwei der bedeutendsten Gestalten der biblischen Geschichte abstammt.

Gott rief Abraham auf, seine Heimat Ur in Mesopotamien zu verlassen und an einen Ort zu gehen, den er ihm zeigen würde. Gott schloss einen Bund mit Abraham und versprach, aus ihm ein großes Volk (Israel) zu schaffen, ihm das verheißene Land (Kanaan) zu geben und durch seine Nachkommen alle Völker der Erde zu segnen. (Genesis 12,1-3)

Jesus wird auch als „Sohn Davids“ vorgestellt (Matthäus 1,1). Zwölfhundert Jahre nach Abraham, als Israel sich im Land niedergelassen hatte, schloss Gott einen Bund mit König David und versprach ihm, dass seine Dynastie für immer bestehen würde und dass einer seiner Nachkommen für immer auf seinem Thron regieren würde. (2. Samuel 7,11-16) Diese Prophezeiung des „Messias“ – den gesalbten König und Erlöser – wurde von den späteren Propheten aufgegriffen und erweitert. (Jesaja 9,1-6; 11,1-16)

Als Matthäus den Stammbaum vorlegt, in der er die Abstammung Jesu bis zu David und Abraham zurückverfolgt, bekräftigt er damit, dass Jesus der Messias und Erlöser der Welt ist, der Mittelpunkt und das Ziel der menschlichen Geschichte.

Die Erfüllungsformeln

Neben dem Stammbaum, der die Legitimation Jesu als Messias bestätigt, entwickelt Matthäus sein Thema der Verheißungserfüllung durch eine Reihe von „Erfüllungsformeln“, d. h. Zitate aus dem Alten Testament, die die Erfüllung der Prophezeiungen durch Jesus belegen. Die Formel, die Matthäus zehnmal verwendet, lautet in etwa so: „Dies geschah, damit erfüllt wird, was der HERR durch den Propheten … geredet hatte“. Zum Beispiel erfüllt die Geburt Jesu durch eine Jungfrau die Prophezeiung aus Jesaja 7,14 (Matthäus 1,22-23), die Flucht seiner Familie nach Ägypten erfüllt Hosea 11,1 (Matthäus 2,15), sein Dienst in Galiläa erfüllt Jesaja 9,1 (Matthäus 4,14-16) und so weiter.

Zusätzlich zu diesen zehn Erfüllungsformeln zitiert Matthäus ein Dutzend Mal oder öfter die Bibel ohne Formel, aber in einer Weise, die darauf hinweist, dass Jesus sie erfüllt hat. Als König Herodes beispielsweise die Hohepriester und Schriftgelehrten fragt, wo der Messias geboren werden sollte, zitieren sie Micha 5,2+4, um seine Geburt in Bethlehem zu bestätigen. In ähnlicher Weise identifiziert Matthäus Johannes den Täufer als „den, von dem geschrieben steht“, und zitiert dann Maleachi 3,1: „Siehe, ich sende meinen Boten. […] Er wird mir den Weg bahnen.“

Einige haben behauptet, dass Matthäus’ Zitate aus dem Alten Testament oft aus dem Zusammenhang gerissen sind und die ursprüngliche Bedeutung des Textes falsch wiedergeben. Zum Beispiel war Hosea 11,1 „aus Ägypten rief ich meinen Sohn“ in seinem ursprünglichen Kontext keine Prophezeiung über den Messias, der nach Ägypten flieht und dann nach Israel zurückkehrt. Tatsächlich war es überhaupt keine Prophezeiung, sondern eher eine Aussage Gottes über seine Befreiung Israels beim Auszug aus Ägypten. Der vollständige Satz in Hosea 11,1 lautet: „Als Israel jung war, gewann ich es lieb. / Aus Ägypten rief ich meinen Sohn.“ Israel, das von Gott als Nation geschaffen wurde, wird metaphorisch als sein „Sohn“ beschrieben. Wie also kann Matthäus diese Passage auf Jesus anwenden? Verzerrt er die Bedeutung des Textes, damit er in sein Programm passt? Ignoriert er die grundlegendsten Prinzipien der Bibelauslegung: Kontext, Kontext, Kontext?

Typologie: Jesus als das neue Israel

Tatsächlich bietet eine genauere Lektüre des Matthäusevangeliums eine bessere Lösung. Manche Christen neigen dazu, sich die Prophezeiungen aufgrund ihres apologetischen Werts genauer zu betrachten. Etwas im Voraus zu wissen, ist ein Beweis für den göttlichen Ursprung der Botschaft. Doch bei Matthäus geht es bei der Erfüllung der Schriften weniger um Apologetik als um Gottes souveräne Absichten. Das Etablieren von „Erfüllungsmustern“ bestätigt, dass die gesamte menschliche Geschichte auf ihr Ziel und ihren Höhepunkt in Christus zusteuert.

Aus dieser Perspektive ist Hosea 11,1 Teil einer größeren Israel-Jesus-Typologie, die Matthäus in seinem Evangelium entwickelt. So wie Gott seinen „Sohn“ Israel aus Ägypten herausgeführt hat, so kommt auch Jesus, der wahre Sohn Gottes, aus Ägypten heraus (Hos 11,1; Matthäus 2,15)). So wie Israel 40 Jahre lang in der Wüste geprüft wurde, wird Jesus 40 Tage lang in der Wüste vom Satan geprüft (Matthäus 4,1-11). Während Israel wiederholt versagte, Gott zu gehorchen, bleibt Jesus treu und gehorsam. Diese Typologie wird dadurch bestätigt, dass die drei alttestamentlichen Stellen, die Jesus als Antwort auf die drei Versuchungen zitiert, alle dem Exodusbericht Israels entnommen sind. (1) Israel vertraute Gott nicht, als es durch Hunger geprüft wurde. Jesus verlässt sich ganz auf Gott und zitiert Deuteronomium 8,3: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ (2) Israel stellte Gott in Meriba auf die Probe. Jesus weigert sich, Gott auf die Probe zu stellen, indem er sich von der Zinne des Tempels stürzt. Stattdessen zitiert er: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen.“ (3) Schließlich wandte sich Israel dem Götzendienst zu und brach das Gebot, Gott allein anzubeten (Deuteronomium 9,12). Jesus weigert sich, den Satan im Tausch gegen die Reiche der Welt anzubeten, und beruft sich auf Deuteronomium 6,13: „Jahwe, deinen Gott, sollst du fürchten, ihm sollst du dienen.“

Eine Jesus-Israel-Typologie zeigt sich bei Matthäus auch in der Darstellung Jesu als „Knecht des HERRN“. Der Begriff „Knecht“ erscheint wiederholt in Jesaja 40-55. Manchmal wird der Knecht mit dem Volk Israel (Jesaja 41,8; 44,1; 44,21; 45,4) identifiziert, manchmal als Einzelperson (Jesaja 42,1; 49,5-7; 50,10; 52,13; 53,11), die dem Volk das Heil bringt. Als Gottes Knecht sollte Israel ein Licht der Offenbarung für die Völker sein und Gottes Herrlichkeit offenbaren (Jesaja 42,6; 49,6). Aber Israel wandte sich sich selbst zu und versagte bei der Erfüllung seiner Berufung. Jesus dagegen bleibt seinem Auftrag treu und erweist sich als der wahre Knecht des HERRN. Matthäus zitiert in seiner Zusammenfassung von Jesu Dienst in Kapitel 12,15-21 Jesaja 42,1-4: „Seht, das ist mein Knecht, den ich erwählte, / den ich liebe und über den ich mich freue. / Ich werde meinen Geist auf ihn legen, […] Und auf ihn werden die Völker hoffen.” In der Kraft des Heiligen Geistes erfüllt Jesus die Rolle des endzeitlichen Israels.

Wir sehen also, dass die Verwendung von Hosea 11,1 durch Matthäus keine falsche Anwendung eines alttestamentlichen Textes ist, sondern vielmehr Teil einer tiefgreifenden typologischen Darstellung von Jesus als die Erfüllung Israels. Als Knecht-Messias und Sohn Gottes repräsentiert Jesus das Volk Israel und hat Erfolg, wo es versagt hat. Er wird nun den alttestamentlichen Auftrag Israels erfüllen, Gottes Herrlichkeit zu offenbaren und die Botschaft des Heils bis an die Enden der Erde zu bringen.

Eine weitere Typologie finden wir in Matthäus’ Darstellung von Jesus als neuem Mose. Wie Mose auf den Berg Sinai stieg, um den ersten Bund Israels zu empfangen, der auf Steintafeln geschrieben war, so hält Jesus seine Bergpredigt, um den neuen Bund einzuweihen, der in die Herzen der Menschen geschrieben sein wird (siehe Jeremia 31,31-34). So wie Moses Gesicht leuchtete, als er von seiner Begegnung mit Gott auf dem Berg Sinai herunterkam (Exodus 34,29-33), so leuchtet das Gesicht Jesu bei seiner Verklärung im Glanz der Sonne (Matthäus 17,2). Auch die Struktur des Matthäusevangeliums könnte in diese Richtung weisen. So wie Mose fünf Bücher der Tora (Genesis-Deuteronomium) geschrieben hat, so stellt Matthäus fünf große Reden Jesu vor: Bergpredigt (Kap. 5-7), Beauftragung der Zwölf (Kap. 10), Gleichnisse vom Reich Gottes (Kap. 13), Gemeindeleben und Disziplin (Kap. 18) und die Rede am Ölberg (Kap. 23-25). Jesus ist ein neuer Mose, der den neuen Bund einführt und das am Berg Sinai gegebene Gesetz zu seiner Erfüllung bringt.

Diese Beispiele zeigen, dass Matthäus in seinem Evangelium viele Titel für Jesus verwendet, darunter Messias, König, Herr, Gottessohn, Menschensohn, Sohn Davids, Immanuel usw. Alle diese Titel haben ihre Wurzeln im Alten Testament und verweisen auf die eine oder andere Weise auf das Thema der Erfüllung und auf die Ankunft des Himmelreichs.

Matthäus‘ Identität, seine Zielgruppe und der Zweck seiner Schriften

Wer also war Matthäus und warum hat er dieses Evangelium geschrieben? Streng genommen sind alle vier Evangelien anonym, d.h. die Autoren nennen sich selbst nicht. Aus der christlichen Tradition wissen wir aber, dass der Verfasser des ersten Evangeliums Matthäus war, ein Zöllner, den Jesus in die Nachfolge berief (Matthäus 9,9-13): Markus und Lukas nennen ihn „Levi“ (Markus 2,13-17; Lukas 5,27-32), was vielleicht darauf hindeutet, dass er ein Levit war (aus dem Stamm Levi). Ansonsten ist wenig über Matthäus bekannt.

Für wen hat Matthäus geschrieben? Während Markus dazu neigt, seinen Lesern jüdische Bräuche zu erklären (Markus 7,2-4, 15,42), was auf ein überwiegend heidnisches Publikum hindeutet, stellt Matthäus sie oft ohne Erklärung vor (zeremonielle Waschungen, Matthäus 15,2; die Tempelsteuer, Matthäus 17,24-27; Gebetsriemen und Quasten, Matthäus 23,5; getünchte Gräber, Matthäus 23,27). Das deutet darauf hin, dass die Zielgruppe von Matthäus überwiegend jüdisch war. Matthäus verwendet auch häufig die Bezeichnung „Himmelreich“ anstelle von „Reich Gottes“. „Himmel“ ist eine gängige jüdische Umschreibung für „Gott“, die aus Ehrfurcht vor dem göttlichen Namen verwendet wird. Während diese Punkte auf eine jüdische Zielgruppe schließen lassen, finden sich bei Matthäus auch einige der schärfsten Anklagen gegen die jüdischen Religionsführer. Was bei Markus beispielsweise eine kurze Warnung vor den Schriftgelehrten ist (Markus 14,38-40), wird bei Matthäus zu einer ausgedehnten Tirade gegen die Gesetzeslehrer und Pharisäer (Matthäus 23,1-38). Jesus geißelt sie als Heuchler, blinde Anführer, Narren, Habgierige, Zügellose, Mörder und sogar als Söhne von Schlangen. Ganz schön starke Worte!

Ist Matthäus also projüdisch oder nicht? Seine starke jüdische Perspektive und seine ebenso starke Polemik gegen die jüdischen Leiter lassen darauf schließen, dass Matthäus’ primäres Publikum eine jüdisch-christliche Gemeinschaft ist, die sich in einem Konflikt und einer Debatte mit der größeren (ungläubigen) jüdischen Gemeinschaft befindet. Beide Seiten, die Gemeinde und die Synagoge, erheben den Anspruch, das wahre Volk Gottes zu sein. Beide beanspruchen die Schriften Israels als ihr Erbe. Für die jüdischen Gegner des Matthäus ist diese junge Bewegung eine Ketzerei, bestehend aus Anhängern eines falschen Messias. Für die Gemeinde des Matthäus hingegen haben sich die Prophezeiungen mit dem Kommen Jesu, des Messias, erfüllt. Die Gemeinde stellt das wahre Volk Gottes dar, das sich aus Juden und Heiden zusammensetzt, die Jesus als den Messias angenommen und seine Botschaft vom Reich Gottes akzeptiert haben. In diesem Zusammenhang dient das Thema der Verheißungserfüllung bei Matthäus als Bestätigung für die Wahrheit der Botschaft des Evangeliums und die Autorität der Boten des Evangeliums.

Original von Mark L. Strauss
Übersetzung von Julia Pfeifer

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