Die Bedeutung der Taufe in der Bibel

Die Taufe als biblisches Designmuster

Seit Jahrhunderten sorgt die Taufe für Diskussion unter den Nachfolgern Jesu. Was steht in der Bibel über Taufe? Was ist laut Bibel die Bedeutung der Taufe?

Um ein besseres Verständnis des Begriffs „Taufe“ in der Bibel zu bekommen, müssen wir uns ein Designmuster anschauen, das sich durch die gesamte Bibel zieht. Designmuster sind wiederkehrende Bilder, Ideen oder Ereignisse, die sich durch verschiedene Geschichten in der biblischen Erzählung ziehen. Sie sind die wichtigste Methode, mit der die biblischen Autoren die Hunderte von Geschichten in der Bibel vereinen. Und jedes Muster entwickelt ein Kernthema, das zu Jesus führt.

In dem Designmustermuster, das wir uns hier anschauen werden, geht es darum, Gott sein Volk durch das Wasser rettet. Dieses Thema der Rettung durch das Wasser führt zu der Geschichte von Jesu Taufe und der Entwicklung der Taufe im frühen Christentum.

Beginnen wir am Anfang.

 

Das Muster entsteht

Genesis 1 gibt uns ein grundlegendes Bild von der Welt. Gott bringt Ordnung ins Chaos, indem er Dinge voneinander trennt. Auf Seite eins der hebräischen Bibel lesen wir, dass der Geist Gottes über den dunklen, kosmischen Wassern schwebte, die Welt war „wüst und leer“ (Hebräisch: tohu wa-ḇohu), sodass Leben und menschliche Gemeinschaften unmöglich waren. Gott trennt das dunkle chaotische Wasser und schafft einen Raum, in dem das Leben gedeihen kann (Genesis 1,6-7).

Gottes Arbeit beginnt damit, dass er Dinge voneinander trennt. Er trennt das Licht von der Dunkelheit (Genesis 1,3-5), die Wasser oben von den Wassern unten (1,6-8) und die Meere vom trockenen Land, indem er die Wasser zusammenbringt. Das trockene Land (einschließlich Eden) kommt aus den chaotischen Wassern zum Vorschein. Indem Gott den Ort des Lebens aus diesen chaotischen Gewässern hervorbringt, führt er die Menschheit in eine neue Welt.

Aber in Genesis 3 bringt die Menschheit wieder Chaos in die Welt. Danach entdecken wir in der Bibel wieder das Muster, dass Gott das Wasser trennt. Aber anstatt durch das Trennen der Wasser Ordnung zu schaffen, sehen wir jetzt, dass Gott eine kleine Gruppe Menschen rettet, um durch das Wasser zu gehen. Dieser Überrest wird nun auf der anderen Seite auftauchen, um eine neue Schöpfung zu bewohnen.

Das Muster entsteht mit Gottes Zielsetzung auf den ersten Seiten der Bibel, aber sobald die Menschheit diese Absicht durcheinanderbringt, wird dieses Muster zu einem Rettungsakt.

 

Das Muster in der hebräischen Bibel

Noah

 

Das Muster, wie Gott sein Volk durch Wasser rettet, taucht mit den chaotischen Wassern in der Geschichte der Sintflut in Genesis 6-8 wieder auf.  Die Flut wird als Zustand der „Entschöpfung“ dargestellt. Die Quellen der kosmischen Tiefen (Hebr. tehom) spalten sich (Hebr. baqa), die Fenster des Himmels öffnen sich und kehren die Tage zwei und drei der Schöpfung um (Genesis 7,11). Jedes Lebewesen verschwindet von der Erdoberfläche und die Schöpfung aller Kreaturen der Tage fünf und sechs der Schöpfungsgeschichte werden zunichte gemacht (Genesis 7,22-23).

Aber Gott erinnert sich an Noah (8,1), und er rettet einen kleinen Überrest – Noah und seine Familie – durch die chaotischen Wasser. Noah und seine Familie werden durch die chaotischen Wasser hindurch gerettet und betreten trockenes Land, um eine „Menschheit 2.0“ in einer neuen Schöpfung zu beginnen.

 

Mose

Wir sehen dieses Muster erneut in einer der bekanntesten Geschichten der Bibel: Israels Auszug aus Ägypten.

Im Buch Exodus lernen wir Mose kennen, der durch die Wasser des Todes in einer kleinen Arche gerettet wird und in das Haus des Pharaos kommt (Exodus 2). (Anmerkung: Das hebräische Wort te-ḇah (Arche) wird nur hier und in der Geschichte von Noah verwendet.) Später in der Erzählung erinnert sich Gott an seinen Bund mit der Familie Abrahams und beruft Mose, Israel – Seinen „Sohn“ – aus der Sklaverei in Ägypten zu befreien (Exodus 4,22-23). Gott rettet sein auserwähltes Volk aus Ägypten, indem er es durch das Wasser des Roten Meeres führt und auf trockenes Land bringt (Exodus 14,16). Die Israeliten werden durch das Wasser aus Sklaverei und Tod befreit und zum Berg Sinai geführt, wo sie eingeladen werden, Gottes Stellvertreter für die Nationen zu werden.

 

Josua

Das Muster setzt sich 40 Jahre nach dem Auszug aus Ägypten fort. Die Israeliten sind in der Wüste umhergeirrt, und jetzt bereitet sich die neue Generation darauf vor, das verheißene Land zu betreten. Die Israeliten verbringen die Nacht am Fluss Jordan, bevor sie schließlich das Land betreten.

Obwohl die Israeliten nicht in Gefahr sind, sehen wir, wie sich dieses „Rettungsmuster“ abspielt. Gott führt das Volk aus der Wüste heraus, und sie durchqueren erneut das Wasser, um an den Ort zu gelangen, den Gott für sie vorbereitet hat.

Den Priestern wird befohlen, die Bundeslade über den Jordan zu tragen (Josua 3,11). Als priesterliche Stellvertreter gehen sie zuerst ins Wasser, und was für sie gilt, gilt auch für die anderen, die ihnen folgen. Als die Füße der Priester den Fluss berühren, steht das Wasser des Jordans „wie ein Damm“, und die Israeliten überqueren den Fluss auf trockenem Boden.

 

Jesaja

Der Prophet Jesaja verwendet auch die Metapher vom Leben, das aus chaotischen Wassern entsteht. Aber er tut das, indem er die bevorstehende Rettung aus dem Exil mit einem messianischen König in Verbindung bringt. Jahre später in der Geschichte Israels, nach gescheiterten Monarchen und geteilten Königreichen, sprach der Prophet Jesaja von einer zukünftigen Verheißung inmitten von Zerstörung und Verbannung (Jesaja 11). Er sagte, es werde einen Tag geben, an dem ein neuer König aus dem Geschlecht Davids kommen würde, der vom Geist befähigt werde, den Armen Gerechtigkeit zu bringen (11,1-5).

Und das Muster setzt sich in Vers 10 fort, wo wir lesen: „An dem Tag wird es Isais Wurzelspross sein, der als Zeichen für alle Völker dasteht; dann kommen sie und suchen Rat bei ihm. Sein Palast ist voller Herrlichkeit.“ Das Bild handelt von einem König aus dem Geschlecht Davids, vom Messias, einer Wurzel, die irgendwie steht und auf die sich alle Nationen zubewegen.

Das Muster erscheint dann in den folgenden Versen, in denen der Wortschatz aus Exodus und der Geschichte der Sintflut auftaucht.

„Und es wird geschehen an jenem Tag, da wird der Herr zum zweiten Mal seine Hand ausstrecken, um den Überrest (Hebr. she’ar) seines Volkes, der übrig (she’ar) geblieben ist, loszukaufen aus Assyrien und aus Ägypten, aus Patros und Kusch und Elam und Sinear, aus Hamat und von den Inseln des Meeres. Und er wird für die Heidenvölker ein Banner aufrichten und die Verjagten Israels sammeln und die Zerstreuten Judas zusammenbringen von den vier Enden der Erde. Und es wird eine Straße vorhanden sein für den Überrest (she’ar) seines Volkes, der übrig (she’ar) geblieben ist, von Assyrien her, wie es für Israel eine gab an dem Tag, als es aus dem Land Ägypten hinaufzog. (11,11-12 + 16)

„Der HERR wird seine Hand ausstrecken“ ist ein Ausdruck, der zuvor verwendet wurde, um Gottes Einsatz seiner Macht für Israels zu beschreiben, besonders während der Exodus-Geschichte (Deuteronomium 26,8). Jesaja spielt auf einen neuen Exodus und einen neuen Überrest an.

Das Wort „Überrest“ erinnert an die Geschichte von Noah. Er und seine Familie sind der gerettete Überrest, der in den chaotischen Wassern schwimmt. In ähnlicher Weise sind die Israeliten im Exil ein Überrest, der im Meer von Assyrien, Ägypten, Patros, Kusch, Elam, Babylon und den Inseln des Meeres „schwimmt“. All diese Nationen sind wie das chaotische Wasser. Das Konzept des Wassers wird in der gesamten Bibel, insbesondere in den Psalmen, zu einer Metapher für Feinde (Psalm 18,16-18).

Die biblischen Anklänge an die Rettung durch Wasser setzen sich im Buch Jesaja fort. Gott wird seinen Arm gebrauchen – wie beim Exodus – um den Völkern ein Banner aufzurichten, den König aus dem Geschlecht Davids. Und der Überrest wird aus den Völkern kommen und durch die Wasser gehen. Und für den Überrest wird es einen sicheren Weg durch das Wasser geben, so wie für Israel an dem Tag, als sie aus Ägypten auszogen.

Jesaja verwendet diese Geschichte in analoger Weise, um zu sagen, dass Gott sein zerstreutes Volk Israel aus den „chaotischen Wassern“ des Exils unter den Völkern retten wird. Der Überrest wird aus dem Exil gerettet werden und ein neues Lied der Rettung singen (Jesaja 12,2 und Exodus 15,2).

 

Das Muster im Neuen Testament

Johannes der Täufer

Im Neuen Testament beginnt das Muster der Rettung durch das Wasser mit einem Mann, genannt „Johannes der Täufer“. Er ist ein Prophet, der die prophetische Ankündigung der Wiederherstellung Israels erfüllt (Jesaja 40,1-5; Matthäus 3,1-4). Und wir erfahren, dass Johannes das Kommen des Messias verkündet, zur Umkehr aufruft und die Israeliten aus Jerusalem und der Umgebung im Jordan tauft (Matthäus 3,5-6).

 

Dies ist eine sehr bewusste prophetische Handlung. Johannes lässt die Menschen durch das Wasser gehen, um ihr Bekenntnis zum Gott Israels zu erneuern. So wie die Israeliten unter Josuas Führung durch das Wasser des Jordans geführt wurden (Josua 3,2-4), so ging das Volk nun mit einem anderen prophetischen Anführer erneut durch das Wasser des Jordans und läutete die Erfüllung von Israels Wiederherstellung und Befreiung ein (Jesaja 11,15, 43,2, 43,16-17, 44,27-28, 50,2, 51,9-11). Es ist eine weitere Wiederholung des Exodus. Während sie durch das Wasser gehen, bereuen sie Israels Treulosigkeit und die Gefährdung des Bundes. Und sie bereiten sich darauf vor, das neue Israel zu sein, das Gott aufbauen wird, wenn der verheißene Messias kommt.

Jesus

In jedem Evangelium wird die Geschichte von Jesus betont, der zum Jordan geht, um getauft zu werden. In seiner Taufe geht Jesus ins Wasser und kommt wieder heraus (Markus 1,9-11).

„Damals kam auch Jesus von Nazaret in Galiläa und ließ sich im Jordan von Johannes taufen. Noch während er aus dem Wasser stieg, sah er, wie der Himmel aufriss und der Geist Gottes wie eine Taube auf ihn herabfuhr. Und aus dem Himmel sprach eine Stimme: «Du bist mein geliebter Sohn. An dir habe ich Freude!»“

Sofort tritt das Muster durch Markus’ Wortwahl „im Jordan“ wieder auf, was auf die Geschichte in Josua (Josua 3-4) verweist. „Aus dem Wasser“ entspricht dem Muster „durch das Gewässer“ (Exodus 14,29). Die Himmel „öffnen“ oder „spalten sich“ – was auf die Trennungsakte bei der Schöpfung und das Öffnen der himmlischen Schleusen in der Geschichte von Noah zurückverweist (Genesis 1,6-8; 7,11). Der „Geist wie eine Taube“ kommt auf Jesus herab und verweist erneut auf den Geist, der über den Wassern bei der Schöpfung schwebt, und auf die Taube, die Noah nach der Flut aussendet (Genesis 1,2; 8,8). Und Gottes Worte an Jesus, „Du bist mein geliebter Sohn“, erinnern an seine Worte an Mose in Bezug auf die Israeliten (Exodus 4,22-23).

Das ist kein Zufall. Die biblischen Autoren weben weiterhin wichtige Fäden und theologische Themen zusammen, die vom Anfang bis zum Ende der Geschichte weitergesponnen werden.

Neutestamentliche Autoren

Gott verkündet, dass Jesus sein Sohn ist, der die Welt aus dem Chaos desmenschlichen Bösen und aus der Gewalt retten wird, indem er in den Tod geht und auf der anderen Seite wieder lebend herauskommt. Deshalb wurde die Taufe für die Anhänger Jesu zu einer so großen Sache.

Die neutestamentlichen Autoren verstanden die Bedeutung der Taufe vor dem Hintergrund dieser bedeutenden und erlösenden historischen Ereignisse in der hebräischen Bibel. Paulus verknüpft die Taufe mit der Exodus-Geschichte (1. Korinther 10,1-2), und Petrus bezieht sich auf Noah und seine Familie, die „durch das Wasser ‚der Sintflut‘ hindurch gerettet” wurden, und verbindet dies mit der Taufe (1. Petrus 3,20-21).

Die Taufe in der Bibel drückt eine Identifikation mit Christi Tod und Auferstehung aus – das alte Selbst wurde mit Christus gekreuzigt (durch die Wasser des Todes), und die Anhänger Jesu sind nun mit ihm in einer „Neuartigkeit des Lebens“ auferstanden (Römer 6,3-11).

Fazit

Einige Anhänger Jesu werden durch Untertauchen getauft, andere werden mit Wasser besprengt. Manche Menschen werden als Erwachsene getauft, andere als Säuglinge, und manche Menschen werden als Säuglinge und als Erwachsene getauft.

In allen Fällen geht es bei der Bedeutung der Taufe darum, Teil dieses alten biblischen Musters zu sein, durch das Wasser des Todes zu gehen und Jesus auf der anderen Seite in die neue Schöpfung zu folgen.

Original von Shara Drimalla & BibleProject Team
Übersetzung von Julia Pfeifer

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