Ist der Gott der Bibel ein zorniger Gott?

Wenn wir uns die biblischen Geschichten über den Zorn Gottes einmal etwas genauer ansehen, merken wir schnell, dass er viel komplexer und differenzierter ist, als es vielleicht auf den ersten Blick scheint.

Den göttlichen Zorn erforschen

 

Bist du bereit für einen richtig wütenden Bibelvers? Noch einmal tief durchatmen. Okay…

„Deshalb ist der Zorn des HERRN gegen sein Volk entbrannt. Er wird seine Hand erheben, um sie zu schlagen. Die Berge werden erzittern und ihre Leichen werden wie Abfall mitten auf der Straße liegen. Doch auch das beruhigt den Zorn des HERRN nicht. Noch immer ist seine Hand ausgestreckt!“ (Jesaja 5,25)

Wie bitte?! Leichen auf den Straßen? Das ist eine Menge Wut.

Dieser Abschnitt kommt vom Propheten Jesaja, der Israel vor dem kommenden Gericht Gottes warnt. Tatsächlich ist das ganze Kapitel eine einzige Anklage gegen das Volk Israel. Die Menschen sind korrupt und arrogant geworden, und Gott hatte einfach genug davon. Heere werden einmarschieren, um Tod und Exil zu verursachen, und Jesaja prophezeit, dass sie viele Leichen hinterlassen werden.

Mit Gottes Zorn ist nicht zu spaßen, und es überrascht nicht, dass er in uns Unbehagen auslöst. Gottes Zorn ist sogar einer der Hauptgründe, warum Menschen den Gott der Bibel nicht mögen. Aber wenn wir uns die biblischen Geschichten über den Zorn Gottes einmal etwas genauer ansehen, merken wir schnell, dass er viel komplexer und differenzierter ist, als es vielleicht auf den ersten Blick scheint.

 

Ein emotionaler Gott

 

Wut ist eine menschliche Emotion. Ein Gefühl von Adrenalin, das mit einer erhöhten Durchblutung der Muskeln einhergeht. Die Muskeln spannen sich an, die Haut wird heiß, und der Kopf konzentriert sich auf das aktuelle Problem. Dass man wütend ist, sagt man auf Hebräisch mit dem Ausdruck: „Deine Nase brennt heiß“. Das ist kein Scherz. Eines der wichtigsten hebräischen Wörter für „Wut“ ist „Nase“! Diese hebräische Metapher basiert auf unserer körperlichen Erfahrung von Wut: Wenn man wütend ist, wird das Gesicht heiß, auch die Nase.

Wir alle kennen dieses Gefühl – die Reaktion des Körpers auf Wut. Und im Hebräischen ist es üblich, über Wut zu sprechen, indem man sagt, dass man „eine große Nase“ oder eine „heiße Nase“ hat.

„Die Hand unseres Gottes beschützt alle, die ihn suchen, doch sein grimmiger Zorn [wörtlich im Hebräischen „seine große Nase“] kommt über die, die ihn verlassen.“ (Esra 8,22)

„Deshalb hat er es seinen Zorn [wörtlich „die Hitze seiner Nase“] spüren lassen und in schreckliche Kriegsnot kommen lassen.“ (Jesaja 42,25)

„Und der HERR hat sie aus ihrem Lande gestoßen in großem Zorn [wörtlich „seine Nase brannte heiß“], Grimm und ohne Erbarmen und hat sie in ein anderes Land geworfen, so wie es heute ist.“ (Deuteronomium 29,27)

Aber Gott hat keine Nase, und er spürt Wärme auch nicht so wie die Menschen, oder doch? Das literarische Mittel, das hier verwendet wird, nennt sich Anthropomorphismus – dabei nimmt man etwas, das nicht menschlich ist und beschreibt es mit eindeutig menschlichen Eigenschaften. Auf diese Weise können wir Gottes emotionale Reaktion verstehen, indem wir sie so darstellen, wie wir als Menschen selbst Emotionen erleben. Obwohl Gott nicht menschlich ist, wird er wütend. Und er hat gute Gründe dafür, auf das Verhalten der Menschen mit Zorn zu reagieren. Denn Gott wäre nicht gut, wenn er nicht auch auf das Böse und die Ungerechtigkeit reagieren würde.

Aber wir müssen hier trotzdem vorsichtig sein. Denn, dass Gott empfindet, bedeutet nicht, dass wir einfach alle unsere menschlichen Erfahrungen mit Zorn auf Gott übertragen können. Der göttliche Zorn unterscheidet sich vom menschlichen Zorn.

„Die Propheten [beschreiben] Gottes Zorn nie als etwas Unberechenbares, Unvorhersehbares, Irrationales. Er ist niemals ein spontaner Gefühlsausbruch, sondern immer eine Reaktion, die durch das Verhalten der Menschen ausgelöst wird, … und von der Sorge um Recht und Unrecht motiviert ist.“ — Abraham Heschel, The Prophets Vol. 2, “The Theology of Pathos,” S. 362, aus dem Englischen übersetzt.

 

Warum wird Gott wütend?

 

In der Bibel wird Gott wütend über menschliche Gewalt. Er wird wütend auf mächtige Anführer, die andere Menschen unterdrücken. Und die Sache, die Gott mehr als alles andere in der Bibel zornig macht, ist Israels ständiger Bundesbruch.

All diese Beispiele haben etwas gemeinsam: Sie sind der Ausdruck von Gottes Zorn über den Götzendienst der Menschen. Die Menschen nehmen die Tatsache nicht ernst, dass wir nach Gottes Ebenbild geschaffen sind. Stattdessen erhöhen wir Macht, Reichtum, Sex und viele andere Dinge in den Status eines Gottes. Und dann schaffen wir im Namen dieser vergötterten Ideale und Götzen Gemeinschaften und Institutionen, die andere Menschen, die auch nach dem Bild Gottes geschaffen sind, vernachlässigen, ausgrenzen oder sogar zerstören. Und all diese Missstände und der Schmerz, der durch diesen Götzendienst der Menschen verursacht werden, machen Gott zornig – und das zu Recht. Denn das sind wirklich Dinge, über die man wütend werden sollte.

Betrachte es doch einmal so. Obwohl Wut zerstörerische Kraft hat, gibt es doch Situationen, in denen wir Wut als notwendig und angemessen ansehen. Wenn jemand sieht, wie Ungerechtigkeit geschieht, ist es doch absolut berechtigt, wütend zu werden. Die meisten von uns würden dabei sogar sagen, dass eine Person, die nichts fühlt, wenn sie mit schrecklichem Unrecht konfrontiert wird, emotional oder geistig nicht gesund ist. Zorn kann also auch eine schützende Wirkung haben. So wird auch Gottes Zorn in der Bibel beschrieben. Gott ist kein unberechenbares, jähzorniges Wesen, das ab und zu mal die Fassung verliert. Vielmehr ist Gottes Zorn eine ausgewogene und vernünftige Reaktion auf Ungerechtigkeit und das Böse. Wie also drückt der Gott der Bibel seinen Zorn aus?

 

Wie sieht Gottes Zorn aus?

 

Das Erste, was man über den Zorn Gottes wissen sollte, ist, dass er langsam ist. Schaut euch einmal an, wie Gott seinen eigenen Charakter in Exodus 34,6 beschreibt:

„Jahwe, Jahwe, Gott: barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Güte und Treue“

In einigen Übersetzungen steht statt „langmütig“ „Geduld“ oder „langsam zum Zorn – im Hebräischen steht hier wörtlich „lange Nase“, d.h. es dauert lange, bis Gottes Nase heiß wird! Gott ist geduldig, und er gibt den Menschen viele Gelegenheiten, ihre Entscheidungen zu überdenken und zu ändern.

Einer der größten Schurken in der Bibel ist der Pharao im Buch Exodus. Er ist verantwortlich für die Versklavung Israels und den versuchten Völkermord an den männlichen Babys der Israeliten. Aber trotz all dieses Bösen gibt Gott ihm zehn Gelegenheiten, sein Verhalten zu ändern.

Der Apostel Paulus denkt darüber nach, dass die Geduld Gottes mit den Menschen so groß ist, dass wir Menschen dazu neigen, sie auszunutzen. Deshalb stellt er in seinem Brief an die Römer eine rhetorische Frage:

„Ist es dir gleichgültig, wie freundlich, geduldig und nachsichtig Gott mit dir ist? Siehst du nicht, wie Gottes Freundlichkeit dich zur Umkehr bewegen will?“ (Römer 2,4)

Gott ist geduldig, ja, aber auch seine Geduld hat Grenzen.

 

Gott überlässt uns

 

In der Bibel finden wir diesen Satz immer wieder – wenn Gott zornig wird, „überlässt er uns“ – ja, wem oder was? Was bedeutet das?

In Genesis 1 erschafft Gott eine Schöpfungsordnung, in der Leben und Menschheit gedeihen können. Die dunklen Wasser in Genesis 1, die für Chaos und Unordnung stehen, werden nicht beseitigt. Stattdessen werden sie durch Gottes erhaltende Kraft gebändigt und zurückgehalten. Deshalb wird Gott in der Bibel als jemand gefeiert, der die Mächte des Chaos und des Todes ständig unter Kontrolle hält (siehe Psalm 46). Gott könnte sie „loslassen“ und dadurch zulassen, dass die Schöpfung durch des Böse des Menschen wieder ins absolute Chaos gerät. Einmal hat er das sogar getan. Die Sintflutgeschichte in Genesis 6-9 zeigt, wie es aussieht, wenn Gott das Steuerrad der Schöpfung aus der Hand gibt und die chaotischen Wasser aus Genesis 1 hereinströmen lässt.

Diese ersten Kapitel von Genesis schildern ein grundlegendes Bild von Gottes Gerechtigkeit und seinem Zorn. Wenn Menschen großes Unheil anrichten und sie aufhören, Gottes Reich in der Welt zu repräsentieren, „überlässt“ er sie dem Tod und dem Chaos, das sie selbst in der Schöpfung entfesselt haben. Und diese Formulierung „er überlässt sie“, ist eine der häufigsten Arten, wie Gott seinen Zorn in der biblischen Geschichte zum Ausdruck bringt.

„So weckten sie den Zorn des HERRN. Sie verließen den HERRN, um Baal und Aschtoret zu dienen. Darum wurde der HERR zornig auf die Israeliten, und er lieferte sie Räubern aus, die ihren Besitz stahlen. Er gab sie ihren Feinden ringsum preis, sodass sie sich nicht mehr gegen sie behaupten konnten.“ (Richter 2,12-14)

Für weitere Beispiele sieh dir Richter 3,7-8 10,6-7 oder 2.Könige 13,2-3 an. Und es gibt noch Dutzende mehr.

Diese alttestamentlichen Geschichten fasst der Apostel Paulus zusammen, wenn er in seinem Brief an die Römer über den Zorn Gottes spricht und dabei den Satz „Gott überließ sie“ wiederholt.

„Deshalb hat Gott sie ihren schamlosen Begierden und unreinen Leidenschaften überlassen.“ (Römer 1,24)

„Deshalb überließ Gott sie ihren schändlichen Leidenschaften.“ (Römer 1,26)

„Gott überließ sie ihren verwerflichen Gedanken.“ (Römer 1,28)

Eine andere Art und Weise, wie Gottes Zorn in der Bibel beschrieben wird, ist die Metapher, dass Gott „sein Gesicht verbirgt“, also seine Gegenwart und Macht zurückzieht. Genau so kündigt Gott Mose an, was er mit den Israeliten tun wird, wenn sie die Grenze der Verdorbenheit überschritten haben:

„Israel wird mich verlassen und den Bund brechen, den ich mit ihm geschlossen habe. Da wird mein Zorn entbrennen über sie zur selben Zeit, und ich werde sie verlassen und mein Antlitz vor ihnen verbergen, sodass sie völlig verzehrt werden. Und wenn sie dann viel Unglück und Angst treffen wird, werden sie sagen: Hat mich nicht dies Übel alles getroffen, weil mein Gott nicht mit mir ist? Ich aber werde mein Antlitz verborgen halten zu der Zeit um all des Bösen willen, das sie getan haben, weil sie sich zu anderen Göttern wandten.“ (Deuteronomium 31,16-18)

Die biblischen Autoren wollen uns klarmachen, dass Gottes Zorn immer eine Reaktion auf den Ungehorsam und das Böse der Menschen ist. Und er drückt sich dadurch aus, dass er die Menschen den logischen Konsequenzen ihrer Entscheidungen überlässt. Mit anderen Worten: Gottes Zorn kommt dadurch zum Ausdruck, dass er den Menschen das gibt, was sie wollen, oder zumindest das, was sie gewählt haben. Und wenn das, was wir gewählt haben, Verderben und Tod ist, dann ist es das, was wir bekommen werden.

 

Vor dem Zorn Gottes gerettet

 

In der Bibel ist es eine Tragödie, wenn Gott sein Gesicht verbirgt und uns gibt, was wir wollen. Es bedeutet, dass die Menschheit die Aufgabe nicht erfüllen kann, für die sie geschaffen wurde, nämlich seine königlichen Ebenbilder zu sein. Deshalb findet die Geschichte der Bibel ihren Höhepunkt in Jesus. Gott wollte nicht zulassen, dass die Menschheit sich selbst zerstört, also kam er, um sie zu retten. So denkt Paulus in seinem Brief an die Römer darüber nach.

„Denn Christus ist schon zu der Zeit, als wir noch schwach waren, für uns Gottlose gestorben. Nun stirbt kaum jemand um eines Gerechten willen; um des Guten willen wagt er vielleicht sein Leben. Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Um wie viel mehr werden wir nun durch ihn gerettet werden vor dem Zorn, nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht geworden sind. Denn wenn wir mit Gott versöhnt worden sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, um wie viel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, nachdem wir nun versöhnt sind. Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch Gottes durch unsern Herrn Jesus Christus, durch den wir jetzt die Versöhnung empfangen haben.“ (Römer 5,6-11)

Durch Gottes Zorn wurde die Menschheit dem Tod überlassen, aber das ist nicht das Ende der Geschichte. Gottes Liebe ist noch größer. Es ist Gottes eigene Liebe, die auf seinen Zorn antwortet – und zwar durch das Leben, den Tod und die Auferstehung von Jesus. Anstatt dass Gott sein Gesicht verbirgt oder uns uns selbst überlässt, hat er uns mit sich versöhnt. Und darüber hinaus dürfen wir Gottes eigenes kraftvolles, schöpferisches Leben in uns erfahren.

Im Original von amerikanischen BibleProject Team
Übersetzung von Eva Dittmann

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