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Was bedeutet Jesaja 40,31 (Flügel wie Adler)?

Trost finden, indem wir im Exil auf den HERRN warten

1. Juli 2026
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Inhaltsverzeichnis

Jesaja 40,31 sagt uns, dass alle, die auf den Herrn hoffen, ihre Erschöpfung gegen neue Kraft eintauschen können. Wenn wir auf Gottes Treue und seine Taten in der Vergangenheit vertrauen, können wir Herausforderungen meistern, wie Adler, die Kraft und Zuversicht verkörpern, die in ihrem Schöpfer gegründet ist.

Wenn uns das Leben überwältigt und auslaugt, brauchen wir ein Versprechen über Erneuerung, um Kraft zu schöpfen. Aber laut Jesaja 40,31 ist diese verheißene Erneuerung an eine Bedingung geknüpft. Um aus der Erschöpfung herauszufinden und zu selbstbewusster Kraft zu gelangen, muss man warten – warten auf Gott.

Bedeutet Warten also, dass wir passiv abwarten, bis Gott etwas unternimmt? Oder gibt es etwas, was wir in der Zwischenzeit tun können?

Hier ist der ganze Vers:

„Doch die auf Jahwe warten, gewinnen neue Kraft. Wie Adler breiten sie die Flügel aus. Sie laufen und werden nicht müde, sie gehen und werden nicht matt.“ (BibleProject Übersetzung)

Das klingt nach einer außergewöhnlichen Verwandlung. Wie kann Warten das möglich machen?

Bedeutung des Wortes „warten” in Jesaja 40,31

Wenn wir leiden, sehen wir oft nur den Moment. Unsere Sicht wird eingeschränkt und wir sind verzweifelt. In so einer Situation scheint es ziemlich sinnlos, einfach nur abzuwarten, bis etwas passiert.

Die gute Nachricht ist, dass es in Jesaja 40,31 nicht um das passive Warten geht, sondern um eine andere Art, die Welt zu sehen – eine Erweiterung unserer Sicht durch Erinnerung.

Das hebräische Verb, das mit „warten“ übersetzt wird, ist „qavah“ und ist mit „qav“ verwandt, was „Schnur“ oder „Seil“ bedeutet. Stell dir ein Seil vor, das straff und in die Länge gezogen wird. Das ist „qavah“ – das Gefühl der Erwartung oder Vorfreude auf die Auflösung der Spannung. (1)

Deshalb wird qavah manchmal mit „Hoffnung” übersetzt, und hier lädt der Prophet die Leser ausdrücklich zu qavah ein – zum Warten oder „Hoffen“. Nicht darauf, dass sich die beste Lösung ergibt, wie wir sie uns vielleicht vorstellen, oder dass sich unsere Umstände plötzlich verbessern. Sondern darauf, dass der HERR kommt.

Indem er uns auffordert, ausdrücklich auf Gott zu warten, erkennen wir, dass die Lösung oder die Entspannung, die wir erwarten, nur in Gott zu finden ist.

In der biblischen Vorstellung hängt die Erwartung, dass Gott eingreift, einfach mit der Geschichte zusammen. Indem wir uns an Gottes vergangenes Handeln erinnern, gewinnen wir eine neue Perspektive auf den gegenwärtigen Moment. Mit dieser neuen Perspektive warten wir in Hoffnung (qavah) darauf, dass Gott wieder ähnlich handeln wird.

Aber wie führt das zu neuer persönlicher Stärke? Um das zu beantworten, müssen wir uns das Kapitel als Ganzes ansehen.

Jesajas Worte im Kontext

Die Worte in Jesaja 40 sind an die Israeliten während des babylonischen Exils gerichtet. Sie haben jahrzehntelang unter brutaler Unterdrückung gelitten und fragen sich jetzt, ob Gott sie vergessen hat.

Versäumt es Gott, Gerechtigkeit walten zu lassen? Oder weigert er sich einfach zu handeln, weil es ihm egal ist? Israel sagt: „Jahwe weiß nicht, wie es mir geht. Mein Gott kümmert sich nicht um mein Recht!“ (Jesaja 40,27).

Nachdem Israel die Eroberung Jerusalems und die Zerstörung des Tempels miterlebt hat, fühlt es sich in der Gefangenschaft absolut hilflos und abgelehnt. Das Volk interpretiert seine Erfahrungen so, dass Gott sich entweder nicht mehr um es kümmert oder dass er (viel) weniger mächtig ist als die Babylonier und deren Götter.

Das Leiden prägt ihre Wahrnehmung, und jetzt können sie die Welt nur noch durch die getrübte Brille ihrer gegenwärtigen Realität sehen. Gottes ewige Bundesliebe (Jeremia 31,3) und sein Platz in der Welt als der unvergleichliche, allmächtige Schöpfer sind vergessen. Er scheint ihnen jetzt fern und unempfänglich zu sein, und ihre Hoffnung schwindet – wenn sie nicht schon ganz verschwunden ist.

Die Sicht Israels auf Gott hat auch einen tiefgreifenden Einfluss darauf, wie sie sich selbst sehen. Ihre Identität ist untrennbar mit der Identität Jahwes und seinem Handeln in der Geschichte verbunden. Sie sehen sich als ein Volk, das vom Schöpfer des Kosmos auserwählt wurde, der seine Überlegenheit gegenüber den Weltreichen und ihren Gottheiten demonstrierte, indem er Israel aus der scheinbar unausweichlichen ägyptischen Sklaverei befreite (Exodus 20,1-2).

Indem sie Gott als gleichgültig oder machtlos beschreiben, zeigen die Israeliten, dass sie vergessen haben, wer Gott ist und damit auch, wer sie selbst sind. Kein Wunder also, dass sie sich hoffnungslos und verlassen fühlen.

Dieses Muster aus Vergessen, Identitätsverlust und anschließender Verzweiflung ist nicht nur bei Israel zu beobachten. Es beschreibt eine allgemeine menschliche Tendenz, besonders in Zeiten der Erschöpfung. Inmitten des Leidens scheint sich die Welt auf diesen Moment zu beschränken; unsere Wahrnehmung wird immer mehr begrenzt, bis wir nichts mehr sehen können als unsere tragischen Umstände.

Da dies eine natürliche menschliche Reaktion ist, die uns dazu bringt, Gottes Handeln in der Vergangenheit zu vergessen, ist es wichtig zu erkennen, dass Schmerz und Erschöpfung unsere Hoffnung auf die Zukunft komplett auslöschen kann.

Deshalb dreht sich das Gegenmittel für diesen Zustand der Erschöpfung – das Warten auf den HERRN – ganz um die Erinnerung.

Eine Einladung, sich zu erinnern

Der Prophet spricht Israels mangelndes Erinnerungsvermögen mit zwei rhetorischen Fragen an: „Weißt du es denn nicht, oder hast du es noch nie gehört? Jahwe ist ein ewiger Gott, der die ganze weite Erde schuf.“ (Jesaja 40,28).

Die Fragen sollen Israels Vorwürfe umkehren. Nicht Gott mangelt es an Wissen oder Erinnerung, sondern Israel. Das zentrale Thema des Kapitels ist, dass der Prophet Israel daran erinnert, wer Jahwe ist.

Von Anfang an ist Jesaja 40 als Trost für Israel gedacht (40,1), da es das Ende des Exils ankündigt (Jesaja 40,2 und Jesaja 40,11). Dann wird der Prophet aufgefordert, seine Stimme zu erheben und die unvergleichliche und transzendente Natur des Schöpfers zu verkünden (Jesaja 40,6). Ein Blick auf den Kosmos zeigt, dass nur Jahwe die Berge und Meere erschaffen konnte (Jesaja 40,12). Die Weltreiche und ihre Götzen sind nichts im Vergleich zu ihm (Jesaja 40,15-16 und Jesaja 40,19-20).

Das Volk Israel findet seinen Trost darin, sich an die Identität seines Gottes zu erinnern. Trost ist in der Erinnerung verwurzelt.

Wenn wir also zum letzten Vers kommen, „Die aber, die auf Jahwe warten“ (Jesaja 40,31), wird die Hoffnung auf Gott als Erinnerung daran formuliert, wer er ist. Israels „Nichtwissen“ wird durch das Erinnern geheilt, und das ist es, was der Prophet „qavah auf Jahwe“ nennt – auf Gott warten.

Jesaja 40 lädt Israel (und uns alle) ein, uns daran zu erinnern, wer Gott ist und was er getan hat. Aber beim Erinnern geht es nicht nur darum, sich an Fakten über die Allmacht und Transzendenz Jahwes zu erinnern.

Der Text ist in einer raffinierten poetischen Form geschrieben, um die Gefühle Israels anzusprechen – Angst, Wut und Hilflosigkeit. Es ist nicht nur eine kalte, analytische, historische Rückschau; der Text ist in Schönheit gekleidet, weil er darauf abzielt, verletzte Menschen zu trösten und ihnen Zuversicht zu geben.

Poesie kann uns ganzheitlich ansprechen, Herz und Verstand berühren. Und der Text eröffnet den Weg zu neuen Gefühlen wie Liebe, Hoffnung und Staunen. Poesie soll außerdem unsere Vorstellungskraft neu formen, damit wir die Welt mit einer breiteren und erneuerten Perspektive sehen können. (2) Diese Poesie in Jesaja 40 kann als Erinnerungspoesie verstanden werden.

Im Kontext sehen wir, dass das Wort „warten” in Jesaja 40,31 nicht bedeutet, passiv abzuwarten, bis etwas passiert. „Warten“ bedeutet hier eine Haltung des aktiven Erinnerns, die der Text selbst vorlebt, indem er uns buchstäblich eine Möglichkeit zum Erinnern gibt. Der Prophet meditiert über die Tora, während er sich an die Schöpfungs- und Exodusgeschichten erinnert; und mit Poesie führt er uns zu einer bestimmten Art, uns die Welt vorzustellen.

Fliegen wie Adler?

Warum ist das Bild der Adler so wichtig?

Hier noch mal unser Vers: „Doch die auf Jahwe warten, gewinnen neue Kraft. Wie Adler breiten sie die Flügel aus. Sie laufen und werden nicht müde, sie gehen und werden nicht matt.“ (Jesaja 40,31, BPT).

Dieses Bild, hoch in den Himmel aufzusteigen und wie Adler zu fliegen, soll Israel an den Exodus erinnern, wo Gott sagt: „Ihr habt selbst gesehen, was ich mit den Ägyptern gemacht habe. Ihr habt erlebt, dass ich euch wie auf Adlerflügeln getragen und bis hierher zu mir gebracht habe.“ (Exodus 19,4).

Mit dieser Anspielung erinnert sich Israel daran, wie Gott in seine Geschichte eingegriffen hat – wie er sein Volk gerettet, und seine unaufhaltsame Fähigkeit unter Beweis gestellt hat, es erneut zu retten. Er hat es schon einmal aus dem Leid befreit; er kann (und wird) es wieder tun.

Und doch bringt der Prophet eine interessante Wendung ins Spiel. Nicht Gott ist der Adler, sondern Israel ist der Adler. Gott trägt das Volk zu sich, aber es ist Israel, das wie ein Adler fliegt. Es ist, als würde Gott sagen: „Erinnert euch daran, wie ich euch gerettet und zu mir getragen habe, indem ich euch wie einen Adler fliegen ließ.“

Indem sie sich aktiv daran erinnern, was bisher über Gott wahr ist, werden „diejenigen, die auf Jahwe warten“ wie Adler – mächtig, stark und dem Schöpfer ähnlich.

Der Punkt wird in Vers 31 noch deutlicher, wo diejenigen, die warten, wie Gott (siehe Jesaja 40,28) nicht „erschöpft“ oder „müde“ werden. Dies offenbart einen wichtigen Zusammenhang zwischen dem Warten und den Verheißungen über neue Kraft.

Indem sie sich an ihren Gott erinnern, können die Israeliten ihre Identität als Gottes geliebte Erstgeborene wiedererlangen (Exodus 4,22). Aber noch wichtiger ist, dass wir, nachdem wir den Kosmos überblickt und nach jemandem wie Jahwe gesucht haben, daran erinnert werden, dass die ganze Menschheit nach Gottes Ebenbild geschaffen ist (siehe Genesis 1,27).(3)

Wo echte Stärke und Hoffnung zu finden sind

Der Aufruf, „auf Jahwe zu warten“, lädt Israel (und letztlich uns alle) dazu ein, uns aktiv mit Gottes früherem, treuem Handeln auseinanderzusetzen. Diese Art des Erinnerns führt zu neuer Kraft und einer auf der Geschichte basierenden Vision der Hoffnung für die Zukunft.

Das Konzept des Wartens in Jesaja 40,31 hat nichts mit passiver Resignation zu tun, bei der wir uns zurückziehen und darauf warten, dass Gott irgendwann auf irgendeine Weise handelt. Wenn wir also diese angespannten, anstrengenden Umstände erleben, die uns „Es ist hoffnungslos!“ schreien lassen, können wir der Falle entgehen, zu denken, dass echte Stärke und Hoffnung nur möglich sind, wenn alles gut läuft.

Und wir können von Jesaja und der ganzen biblischen Geschichte lernen, dass die erwartete Befreiung, auf die wir warten, nur in Gott zu finden ist, der Verzweiflung in Ausdauer und Ohnmacht in Sinnhaftigkeit verwandelt.

Im Original von BibleProject Scholar Team
Übersetzung von visiomedia Team

  1. Daniel Schibler, “קוה,” New International Dictionary of Old Testament Theology and Exegesis, ed. Willem A. VanGemeren (Grand Rapids: Zondervan, 1997), 3:893. ↩︎
  2. See further Malcolm Guite, Faith, Hope and Poetry: Theology and the Poetic Imagination (New York: Routledge, 2016), 243-244. ↩︎
  3. Robert Alter, The Art of Biblical Poetry (New York: Basic Books, 2011), 189. ↩︎

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