Gottes Antwort auf Hiobs Fragen zum Leid
Gott weiß genau, was er tut

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In diesem Artikel beschäftigen wir uns mit den letzten Kapiteln des Buches Hiob, die zum Einen Fragen aufwerfen, aber auch sehr tiefgründig sind. Um den Kontext besser zu verstehen, ist es hilfreich, sich die Einleitung des Buches (Hiob 1–2) und den Dialog anzusehen, den Hiob mit seinen Freunden über den Sinn seines Leidens führt. Schließlich haben Hiob und seine Freunde einander nichts mehr zu sagen (Hiob 3–27), und Hiob nimmt in den Kapiteln 29–31 seine endgültige Haltung vor Gott ein. Er trauert um die Tage seiner Vergangenheit, als sein Körper gesund war und sein Leben von Familie und Freunden erfüllt war (Hiob 29,1–11). Sein gegenwärtiges Leiden ist nicht mehr erträglich (Hiob 30,24–31), und er fordert von Gott eine Erklärung (Hiob 31,35–37).
Und so, nachdem er die langatmigen Worte Elihus ertragen hat (Hiob 32–37), meldet sich Gott selbst zu Wort und antwortet Hiob in einer Reihe von Reden, die den bisherigen Höhepunkt des Buches bilden (Hiob 38–41). Gott gibt zwei Antworten. Die erste bietet eine Art „virtuelle Tour“ durch den Kosmos (Hiob 38–39). Gott stellt Hiob all diese unmöglichen Fragen, wie zum Beispiel:
„Wo warst du, als ich die Erde gründete?“ (38,4). „Hast du je in deinem Leben dem Morgen geboten, dem Frührot seinen Ort gezeigt?“ (38,12). „Wo ist der Weg zur Wohnung des Lichts? Die Finsternis, wo hat sie ihren Ort?“ (38,19). „Führst du die Tierkreisbilder zu ihrer Zeit aus?“ (38,32).
Und natürlich wäre die richtige Antwort auf all diese Fragen, dass Hiob sagt: „Nein, ich befehle dem Universum nicht. Ich kenne die Antwort auf keine dieser Fragen. Nein, ich habe nur eine kurze Zeit gelebt…“
Gottes erster Punkt
Der Punkt scheint folgender zu sein: Hiob unterstellte Gott, bei der Führung des Universums eingeschlafen zu sein, und wegen dieser göttlichen Nachlässigkeit müsse er ungerechtes Leid ertragen. Gottes Antwort ist indirekt und zeigt, wie sehr seine Aufmerksamkeit tatsächlich auf jedes einzelne Detail des Universums gerichtet ist. Gott hat Einblick in alle möglichen Perspektiven und Details, die Hiob sich nie hätte vorstellen können und auch nie vorstellen wird.
Im Anschluss an die kosmische Tour nimmt Gott Hiob mit auf eine entsprechende virtuelle Tour durch einen Teil der Welt, in der er tatsächlich lebt: die Erde (Hiob 38,39–39,30). Er fragt Hiob, ob er jemals Löwen mit Futter versorgt oder eine einsame Bergziege bei der Geburt beobachtet hat? Nein? Nun, vielleicht versteht Hiob die Fressgewohnheiten der wilden Esel, die durch die Hügel streifen, oder die von Straußen und ihre seltsame Art, ihre Jungen zu versorgen. Vielleicht können Hiob und Gott ein anregendes Gespräch über Hiobs Wissen über Kriegspferde und die Aerodynamik eines Adlers führen, der auf thermischen Luftströmungen schwebt. Wie sich herausstellt, weiß Hiob nicht so viel, wie er dachte, selbst über die Welt, in der er lebt und mit der er vertraut sein sollte. Am Ende von Gottes Einladungen zum Dialog fällt Hiob mit seiner ersten Antwort durch:
„Schau, ich bin zu gering. Was soll ich erwidern? Ich lege die Hand auf den Mund. Einmal habe ich geredet, ich wiederhole es nicht, zweimal, und ich tu es nicht wieder.“ (Hiob 40,3–5)
Gott hat seinen ersten Punkt deutlich gemacht. Hiobs zahlreiche Vorwürfe, Gott würde ihn vernachlässigen oder sei unfähig, sind ins Leere gelaufen. Wie sich herausstellt, ist Gott mit jedem Molekül und jedem Geschöpf in seiner Welt bestens vertraut und weiß mehr über sie, als Hiob begreifen kann. Das ist ein wichtiger Moment in der bisherigen Geschichte. Welche Gründe Gott auch immer dafür haben mag, Hiobs Leid zugelassen zu haben – Vernachlässigung war es definitiv nicht. Hiob erfährt nie, warum er gelitten hat, und der Leser auch nicht. Das Ziel des Buches war es nie, uns diese Information zu geben. Vielmehr macht die erste göttliche Rede deutlich, dass Gott alles weiß, was sich in seiner Welt abspielt, und dass seine Sicht auf das Universum einen größeren Umfang hat, als ihn die Menschheit jemals haben wird.
Als Hiob Gottes Wissen und Fähigkeiten hinterfragte, basierte das auf dem begrenzten Horizont seiner Lebenserfahrung. Sein Verstand hat nur eine begrenzte Fähigkeit, Ursache und Wirkung aus seiner Sicht zu verstehen. Gottes Perspektive ist unendlich viel weiter, was bedeutet, dass er Ereignisse zulassen kann, die aus einer bestimmten Perspektive moralisch fragwürdig oder einfach nur falsch erscheinen. Aus einer umfassenderen Perspektive sehen dieselben Ereignisse jedoch ganz anders aus. Es ist ähnlich wie bei einem Kind, das beobachtet, wie seine Eltern einen Stuhl gegen ein Fenster werfen, um es zu zerschlagen. Aus der Sicht eines Sechsjährigen ist das genau die Art von Verhalten, die eine Strafe, Hausarrest oder Schlimmeres nach sich ziehen würde. Aber wenn der Elternteil weiß, dass Rauch aus dem Nachbarzimmer kommt und dass dieses Fenster der einzige Ausweg ist, wird das zerbrochene Fenster plötzlich zu einem lebensrettenden Fluchtweg. Der Elternteil verfügt über ein breiteres Spektrum an Informationen, wodurch dieselbe Handlung (einen Stuhl aus dem Fenster zu werfen) zu einer moralisch notwendigen Maßnahme wird.
Das scheint der Kern von Gottes erster Rede zu sein. Es mag in Gottes guter Welt Böses und Leid geben, das aus einer Perspektive unnötig, tragisch und ungerecht erscheinen mag. Aber aus einer umfassenderen Perspektive betrachtet, gibt es vielleicht ein riesiges Geflecht von Faktoren, durch das dieselbe Tragödie in ein größeres Ursache-Wirkungs-Muster passt, das die Rettung vieler Leben bewirkt. Es ist für keinen Menschen möglich, solche Dinge zu wissen oder eine solche Perspektive zu haben. Das bedeutet, dass alle unsere Ansprüche, Gottes Herrschaft über die Menschheitsgeschichte zu bewerten, immer begrenzt sind und daher zu kurz greifen werden. Ich habe keinen ausreichend weiten Blickwinkel, um Gott Inkompetenz vorzuwerfen, und ich werde ihn auch nie haben.
Das ist keine besonders schöne Erkenntnis, weder für Hiob noch für uns heute. Es ist eine unausweichliche Realität des Menschseins. Wir sind endlich, und unser Verstand und unsere Sinneswahrnehmungen sind nicht dafür ausgelegt, die Informationen aufzunehmen, die nötig wären, um Gottes Entscheidungen zu beurteilen. Wir sind nicht Gott. Wir sind Menschen.
Gottes zweiter Punkt
Nachdem Hiob seine Überheblichkeit eingestanden hat, antwortet Gott erneut und lädt Hiob diesmal ein, den göttlichen Thron einzunehmen und das Universum einen Tag lang zu regieren. Hiob soll das strenge „Vergeltungsprinzip“ durchsetzen, von dem er glaubt, dass Gott es bei der Lenkung des Kosmos anwenden sollte:
„Schmück dich doch mit Hoheit und Stolz, kleide dich in Herrlichkeit und Pracht! Gieß aus die Fluten deines Zorns, sieh den Stolzen an und erniedrige ihn! Beuge den Hochmut mit deinem Blick! Tritt auf der Stelle die Gottlosen nieder!“ (Hiob 40,10–12)
Hiob wird feststellen, dass diese Aufgabe unmöglich ist. Sie würde eine sekündliche Mikromanagement-Herangehensweise erfordern, die im Grunde dazu führen würde, dass es keine Menschen mehr auf dem Planeten gäbe. Hiob weiß nicht, worum er bittet, wenn er verlangt, dass Gott das strenge Prinzip der Vergeltung anwendet, um jede gute Tat zu belohnen und jede schlechte zu bestrafen. Theoretisch klingt das richtig, aber in der Praxis würde es ein Universum schaffen, in dem kein Mensch jemals die Chance auf Versuch und Irrtum oder, was noch wichtiger ist, auf Wachstum und Veränderung hätte.
Das führt zu Gottes endgültiger Antwort. Er stellt Hiob zwei interessante Geschöpfe vor, eine heißt „Behemot“ (Hiob 40,15) und die andere „Leviatan“ (Hiob 41,1). Beides sind hebräische Wörter, die hier mit lateinischen Buchstaben geschrieben werden. Behemot ist ein gängiges Wort für domestizierte Tiere wie Kühe (Deuteronomium 5,14), Ziegen (Levitikus 1,2) oder sogar Pferde (Nehemia 2,12). Aber in diesem Fall beschreibt das Wort ein Flusswesen, das im Schilf lebt, mit einem riesigen Schwanz und dicken Knochen. Es klingt wie ein Nilpferd mit dem Schwanz eines Dinosauriers, und seit Mitte des 17. Jahrhunderts ist das eine gängige Interpretation. Es bezieht sich wahrscheinlich auf ein Tier, das dem Autor kaum bekannt war und so mythische Ausmaße annehmen konnte. Vielleicht bezieht es sich auf ein heute ausgestorbenes Säugetier. Wir werden es nie mit Sicherheit wissen.
Das jeweilige Tier zu kennen, erschließt uns nicht Gottes Absicht, warum er Behemot überhaupt erwähnt! Die Bedeutung dieses Wesens liegt darin, dass Gott es überhaupt erwähnt. Hier ist ein gigantisches und gefährliches Tier, das in herrlicher Abgeschiedenheit von jeglichem Eingriff der Menschheit lebt. Gott hat es geschaffen. Es wird als „der Erste von Gottes Geschöpfen“ in der Welt bezeichnet (Hiob 40,19). Es ist nur das Vorläufertier, das uns zu einem noch fantastischeren und kraftvolleren Tier führt: dem Leviatan. Gott liebt es, vom Leviatan zu erzählen („Ich will nicht schweigen von ihm, wie stark er ist und schön gebaut.“ Hiob 41,4). Aus vielen anderen biblischen und altorientalischen Texten wissen wir, dass der Leviatan in der Vorstellung der Menschen jener Zeit eine gängige Figur war. Er lebte in den Tiefen der Ozeane und hinterließ eine riesige Spur aus aufgewühltem Schlamm (Hiob 41,22–23). Seine Haut war für menschliche Waffen undurchdringlich (Hiob 41,17-18), und er spie Feuer (Hiob 41,11-13). Wie Behemot war auch der Leviatan für die Menschen der Antike ein Wesen, das an der Grenze zwischen Realität und Mythos lebte. An anderen Stellen in der hebräischen Bibel und der altbabylonischen Literatur ist der Leviatan ein mythisches Symbol für Gewalt und Chaos in Gottes Welt (siehe Psalm 74,14 und Jesaja 27,1). Dieses Konzept entstand sicherlich aus den sporadischen Begegnungen, die Seefahrer der Antike mit riesigen, gefährlichen Meereskreaturen hatten, die kaum bekannt waren und große Furcht einflößten.
Die biblischen Autoren, darunter auch der Verfasser des Buches Hiob, hatten sich intensiv mit der Existenz solcher Wesen in Gottes Welt auseinandergesetzt. Der Leviatan stellt keine Bedrohung für Gott dar und ist sicherlich kein rivalisierender Gott, wie die Ägypter glaubten (siehe den sanftmütigen Leviatan in Psalm 104,26). All das hilft uns zu verstehen, worauf Gott hinauswill, wenn er den Leviatan zur Sprache bringt.
Gott fragt Hiob, ob er in der Lage sei, den Leviathan mit einer Angelrute einzuholen oder ihn als Haustier mit nach Hause zu nehmen (Hiob 40,25-29). Gott rät Hiob, so etwas nicht zu tun, denn der Leviatan gehört zu der Tierart, die dir ohne zu zögern den Arm abbeißt (Hiob 40,32). Und beachte diesen wichtigen Punkt: Der Leviatan ist nicht böse oder schlecht. Nirgendwo in dieser Rede wird er als böse bezeichnet oder als traurige Folge der Sünde oder des Sündenfalls beschrieben (in Anlehnung an Genesis 3). Ganz im Gegenteil: Der Leviatan wird von Gott geliebt, ein wunderbares Geschöpf von großer Kraft und Macht. Gott ist stolz auf dieses Tier und findet offenbar, dass es in diese Welt gehört. Fass es nur nicht an, sonst vernichtet es dich.
Das ist faszinierend. Hier ist ein Geschöpf, das dein Leben ruinieren wird, wenn du ihm begegnest, aber Gott schätzt es. Warum spricht Gott das überhaupt an? Anscheinend ist Gottes Welt geordnet genug, damit das menschliche Projekt gedeihen kann, aber das Chaos ist nicht vollständig aus Gottes Welt ausgerottet. Die tohu-va-ḇohu (hebräisch für „formlos und leer“ in Genesis 1,2) – die öde Wüste aus Genesis 1 – wurde nicht beseitigt, als Gott die Welt schuf. Vielmehr wurde ein Raum für Ordnung im Garten geschaffen und der Menschheit übergeben, die den Auftrag erhielt, diese göttliche Ordnung zu pflegen und zum Blühen zu bringen. Leviatan ist da draußen, ungezähmt und gefährlich, und vielleicht begegnest du ihm ja. Er hat die Macht, dein Leben zu verwüsten, aber was du aus einer Begegnung mit Leviatan nicht schließen darfst, ist, dass Gott dich bestraft oder dass dieses Wesen böse ist. Beides trifft nicht zu. Du bist einfach auf Leviatan gestoßen, und er hat Chaos in dein Leben gebracht.
Der Kernpunkt
Die menschlichen Leidenswege sind nicht immer eine klare Folge der Sünde eines Menschen. Es mag einen Grund geben, aber vielleicht auch nicht. Gott selbst sagte, dass Hiobs Leiden durch „keinen Grund“ gerechtfertigt sei (Hiob 2,3). Das Gespräch mit dem Satan brachte sicherlich keinen Grund hervor. Dieser Dialog bereitete lediglich die Bühne für die eigentliche Frage des Buches: Lenkt Gott das Universum nach dem Prinzip der Vergeltung?
Die Antwort auf diese Geschichte lautet: Nein. Manchmal geschehen schreckliche Dinge ohne einen für die Menschheit erkennbaren Grund. Der Punkt ist, dass Gottes Welt sehr gut ist, aber sie ist nicht perfekt und nicht immer sicher. Sie hat Ordnung und Schönheit, aber sie ist auch wild und manchmal gefährlich – genau wie die beiden fantastischen Geschöpfe, die Gott erschaffen hat. Also zurück zur großen Frage nach Hiobs oder irgendjemandes Leid: Warum gibt es Leid in der Welt? Ob durch Erdbeben, wilde Tiere oder menschengemacht? Gott erklärt nicht, warum. Er sagt, wir leben in einer unglaublich komplexen, erstaunlichen Welt, die zumindest zum jetzigen Zeitpunkt nicht darauf ausgelegt ist, Leid zu verhindern.
Das ist Gottes Antwort. Hiob stellte Gottes Gerechtigkeit in Frage, und Gott antwortete, dass Hiob nicht über ausreichendes Wissen über unser komplexes Universum verfügt, um eine solche Behauptung aufzustellen. Hiob verlangte von Gott eine vollständige Erklärung, und was Gott von Hiob verlangt, ist Vertrauen in seine Weisheit und seinen Charakter. Also antwortet Hiob mit Demut und Reue. Er entschuldigt sich dafür, Gott der Ungerechtigkeit bezichtigt zu haben, und räumt ein, dass er seine Grenzen überschritten hat.
Plötzlich endet das Buch mit einem kurzen Nachwort (Hiob 42). Zunächst sagt Gott, dass die Freunde Unrecht hatten; ihre Vorstellungen von Gottes Gerechtigkeit waren zu simpel und wurden der Komplexität der Welt oder Gottes Weisheit nicht gerecht. Dann sagt Gott, dass Hiob richtig über ihn gesprochen hat. Das ist überraschend, kann aber nicht auf jedes einzelne Wort zutreffen, das Hiob gesagt hat. Auch wenn Hiob voreilige und falsche Schlussfolgerungen gezogen hat, erkennt Gott dennoch Hiobs Ringen, und wie ehrlich und mit all seinen Gefühlen Hiob auf ihn zugegangen ist und nur mit Gott selbst sprechen wollte. Gott sagt, dass der richtige Weg, diese Themen zu verarbeiten, der Kampf im Gebet ist. Das Buch endet damit, dass Hiob seine Gesundheit, seine Familie und seinen Reichtum zurückerhält – nicht als Belohnung für gutes Verhalten, sondern einfach als großzügiges Geschenk von Gott. Und das ist das Ende.
Das Buch löst also nicht das Rätsel, warum guten Menschen schlimme Dinge widerfahren. Vielmehr lädt es uns ein, auf Gottes Weisheit zu vertrauen, wenn wir Leid erfahren, anstatt zu versuchen, die „Gründe“ dafür herauszufinden.
Wenn wir nach Gründen suchen, neigen wir dazu, Gott entweder wie die Freunde zu vereinfachen oder, wie Hiob, Gott aufgrund begrenzter Beweise anzuklagen. Das Buch lädt uns ein, unseren Schmerz und unsere Trauer ehrlich vor Gott zu bringen und darauf zu vertrauen, dass er sich um uns kümmert, in der Erkenntnis, dass er genau weiß, was er tut.
Im Original von BibleProject Scholar Team
Übersetzung von visiomedia Team

