Gott ist wie eine stillende Mutter

Manche Menschen fühlen sich unwohl, wenn sie an Gott als ein emotionales Wesen denken. Doch genau so wird er in der Bibel dargestellt – als ein Wesen, das auf seine Schöpfung reagiert und echte Erfahrungen mit ihr macht.

Die mitfühlende Elternschaft Gottes

 

Unsere Vorstellung davon, wie Gott ist, ist eines der wichtigsten Dinge, die wir im Laufe unseres Lebens entwickeln können. Wo ist Gott in unserem Leid? Wie verhält er sich, wenn wir versagen? Wie sieht er uns? Diese Fragen haben einen großen Einfluss darauf, wie wir uns selbst, andere und die Welt um uns herum sehen – und sie alle hängen vom Wesen Gottes ab.

 

Wie Gott selbst seinen Charakter beschreibt

 

In der Bibel finden wir die Verse, die für die biblischen Autoren von ihrer Bedeutung her an oberster Stelle stand: Exodus 34,6-7. Dies ist die am häufigsten zitierte und wiederverwendete Stelle innerhalb der Bibel. Das zeigt uns, wie wichtig die Autoren diese Verse fanden. Und das ergibt auch Sinn – denn hier beschreibt Gott selbst, wie er ist. So wie vielen von uns lag es auch den biblischen Autoren auf dem Herzen, ein solides und klares Bild von Gott zu entwickeln.

In dieser Geschichte hat Gott sein Volk Israel gerade aus der Unterdrückung befreit. Er hat das Rote Meer geteilt und führt sie in einer feurigen Wolkensäule an; durch die Wüste in das verheißene Land. Er erscheint ihnen in einer großen Wolke und mit Feuer am Berg Sinai. Und dann ruft er Mose herauf, um mit ihm zu sprechen. Während Mose auf dem Berg ist, wird das Volk ungeduldig und schwankt in seiner Treue zu Gott und Mose. Sie beschließen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, und machen sich ein goldenes Kalb, um es anzubeten – voller Überzeugung, dass es dieser Gott war, der sie aus Ägypten geführt hat.

Als Gott sieht, was sie getan haben, ist er sehr verärgert. Er überlegt sogar, sein Volk seinen eigenen Begierden zu überlassen und es nicht mehr als sein Gott anzuführen. Doch Mose legt für das Volk Fürsprache ein, erinnert Jahwe an seinen Bund mit Abraham, Israels Gott zu sein, und ruft ihn dazu auf, seinem eigenen Charakter treu zu bleiben. Es ist in dieser Situation – als Reaktion auf die Sünde Israels und auf die Fürsprache von Mose – dass Gott Mose seinen Namen offenbart. Er sagt hier:

Jahwe, Jahwe, Gott: barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Güte und Treue
(Exodus 34,6)

Das ist Gottes Antwort auf die Sünde Israels: Er wird seinem Volk auch weiterhin mit Barmherzigkeit und Gnade begegnen. Er wird auch weiterhin geduldig mit ihnen sein („langmütig“, oder „langsam zum Zorn“) und wird seine Bundesliebe und die Treue, die er ihren Vätern versprochen hat, aufrechterhalten. Das ist eine unglaublich gnädige Antwort auf einen unglaublich tiefen Vertrauensbruch.

 

Ein zutiefst bewegter Gott

 

Es ist interessant, dass das allererste Wort, das Gott in dieser Beschreibung von sich selbst verwendet, das Wort „barmherzig“ ist. Einer der wichtigsten Aspekte dieses Wortes ist, dass es ein emotionales Wort ist. Manche Menschen fühlen sich unwohl, wenn sie an Gott als ein emotionales Wesen denken. Emotionale Menschen scheinen sprunghaft und leichtsinnig zu sein. Wie können wir uns auf einen Gott verlassen, der Gefühle hat – und möglicherweise sogar Gefühle, die sich verändern? Doch genau so wird er in der Bibel dargestellt – als ein Wesen, das auf seine Schöpfung reagiert und echte Erfahrungen mit ihr macht.

Schauen wir uns dieses hebräische Wort und die damit verbundenen Begriffsinhalte an. Das Wort „Barmherzigkeit“ heißt auf Hebräisch rachum und ist mit dem Wort „Mutterleib“ oder rechem verwandt. Das Wort selbst drückt die Gefühle und die Fürsorge aus, die eine Mutter für ihr verwundbares Kind empfindet. Diese Beziehung zum Wort „Mutterleib“ gibt uns auch ein Gefühl dafür, dass dieses Mitgefühl aus dem Inneresten eines Menschen kommt – ein Bauchgefühl oder etwas, das man in seinem Inneren fühlt.

Genau wie die Wurzel dieses Wortes, so bringt auch der Kontext, in dem dieses Wort verwendet wird, dieses fürsorgliche Gefühl zum Ausdruck. Das Wort kann mit „zutiefst bewegt“ übersetzt werden, wie zum Beispiel, als Josef vor seinen Brüdern weint. Josef wird von seinen Brüdern in die Sklaverei verkauft, steigt aber später in Ägypten in eine einflussreiche Position auf. Irgendwann erscheinen seine Brüder vor ihm und bitten ihn um Hilfe. Sie halten Josef für tot und erkennen ihn deshalb nicht. Er hingegen weiß genau, wer sie sind, und weint voller Mitgefühl. Aber Mitgefühl, oder Barmherzigkeit, ist niemals nur ein Gefühl, sondern motiviert immer auch zum Handeln. Josef ist so gerührt, dass er sich schließlich seinen Brüdern offenbart und sie vor dem Verhungern rettet. Barmherzigkeit ist ein tiefsitzendes Gefühl, das jemanden dazu veranlasst, sich für das Wohl eines anderen einzusetzen.

 

Beständige Barmherzigkeit

 

In etwa 80% der Texte wird dieses Wort „Barmherzigkeit“ verwendet, um Gott selbst zu beschreiben. Das Interessante daran ist, dass dieses Wort Gott oft als ein Elternteil darstellt, der sich liebevoll um seine Kinder kümmert. Barmherzigkeit ist die Reaktion Gottes, wenn er die Schreie seines Volkes hört – ähnlich wie eine Mutter auf die Schreie ihres Kindes reagiert. Nehemia erzählt dem Volk zum Beispiel von der Zeit der Richter, einer brutalen und gewaltvollen Zeit in der Geschichte Israels, in der jeder einfach tat, was er wollte. Dies ist Nehemias Bitte an Gott:

Deshalb hast du sie in die Hand ihrer Feinde gegeben, die sie sehr bedrängten. Doch in der Zeit der Not schrien sie zu dir und du hast sie im Himmel erhört. In deiner großen Barmherzigkeit sandtest du ihnen Retter, die sie aus den Händen ihrer Feinde befreiten. Aber sobald sie wieder Ruhe hatten, taten sie erneut, was böse ist in deinen Augen, und wieder hast du sie ihren Feinden überlassen, sodass sie von ihnen überwältigt wurden. Doch immer wieder schrie dein Volk zu dir um Hilfe, und du hast es im Himmel erhört und nach deiner Barmherzigkeit befreit. (Nehemia 9,27-28)

Gott ist von dem Schreien und der Not seines Volkes tief bewegt. Jedes einzelne Mal. Und er antwortet auch jedes einzelne Mal! Man muss dabei beachten, dass das Bild des Volkes hier wirklich negativ ist – es verlässt Gott immer wieder, „sobald sie wieder Ruhe hatten.“ Aber Gottes emotionale Verbundenheit mit seinem Volk veranlasst ihn dazu, zu antworten – genau wie ein Elternteil auf das Weinen seines Kindes reagiert.

Die „Sehnsucht des Herzens“ wird hier in Verbindung mit Barmherzigkeit verwendet, um dieses tiefe Gefühl zu beschreiben, das Gott für sein leidendes Volk empfindet.

Psalm 103 spiegelt Gottes Wesen aus Exodus 34 wunderschön wider. Hier wird Gott als ein barmherziger Vater vorgestellt:

Wie sich ein Vater über seine Kinder zärtlich erbarmt, so erbarmt sich der HERR über alle, die ihn fürchten. (Psalm 103,13)

Also, ja. Gott ist emotional, aber er ist nicht launisch, unberechenbar oder dramatisch. Er ist eben auf die beste Art und Weise emotional – wie ein Elternteil, das eine tiefe Bindung zu seinem Kind hat. Und er ist beständig in seinen Gefühlen. Wenn Gottes Kinder schreien, antwortet er. Er hat tiefes Mitgefühl für sein Volk, wenn es leidet.

 

Emotionen, denen wir vertrauen können

 

Was bedeutet das jetzt für uns in der Praxis? Wir können darauf vertrauen, dass Gott wirklich der ist, für den er sich ausgibt – ein barmherziger Elternteil – auch wenn wir selbst nicht perfekt oder gut sind. Gottes Barmherzigkeit bedeutet, dass er uns immer zugewandt ist, wie ein guter Vater. Wir können wissen, dass er zu uns steht, wenn wir zu ihm schreien – selbst wenn wir uns abgewandt haben oder in der Klemme sind. In seiner Barmherzigkeit antwortet er immer auf die Schreie seiner Kinder. Er ist ein Gott, der sich intensiv, mitfühlend und beständig um uns kümmert, wie ein liebevoller Elternteil.

Im Original von Carissa Quinn
Übersetzung von Eva Dittmann

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