Die Bergpredigt und Jesus als neuer Mose

Erlösung und Auszug

Indirekte Anspielung

 

Wenn ich meinen Studierenden das Matthäusevangelium lehre, sage ich ihnen, dass man das Buch mit einem Wort zusammenfassen kann: Erfüllung. Der erste Evangelist stellt uns Jesus als die Erfüllung der langersehnten Hoffnungen und Träume Israels vor. Obwohl Matthäus Jesus mit vielen Charakteren vergleicht, nimmt Mose hier eine zentrale Rolle ein. Manche überrascht es, dass Jesus nicht direkt einen Titel wie „der mosaische Prophet“ oder „der Neue Mose“ bekommt. Einige hinterfragen auch, ob dieses mosaische Bild in Matthäus überhaupt existiert.

Aber wenn man sich nur auf die ausdrücklichen Hinweise auf Mose stützt, wird man der eher geschichtlichen und manchmal schwer fassbaren Natur des Matthäusevangeliums nicht gerecht. Matthäus argumentiert nicht wie Paulus. Er erzählt eine Geschichte und wird deshalb nicht aus der Erzählung heraustreten und ausdrücklich sagen, was er zu vermitteln versucht. Wissenschaftler unterscheiden in einer Erzählung zwischen einer expliziten Benennung und einer indirekten Anspielung; zum Beispiel durch Parallelen.

Matthäus kann sich in diesem Fall indirekten Anspielungen bedienen, da der aufmerksame Leser der jüdischen Schriften schon auf einen neuen Mose gewartet hat. Es gibt in den Schriften zwei bedeutende Abschnitte, die darauf einzahlen. Der erste steht in Deuteronomium 18,15-18, in dem Gott die Ankunft eines neuen, Mose ähnlichen Propheten ankündigt.

Einen Propheten wird Jahwe, dein Gott, aus deiner Mitte, aus deinen Brüdern, für dich erstehen lassen so wie mich. Auf ihn sollt ihr hören. So hast du es von Jahwe, deinem Gott, am Tag der Zusammenkunft erbeten: „Ich möchte die Stimme Jahwes, meines Gottes, nicht mehr hören und dieses große Feuer nicht länger sehen, damit ich nicht sterben muss.“ Da sagte Jahwe zu mir: „Was sie gesagt haben, ist gut. Einen Propheten werde ich ihnen aus der Mitte ihrer Brüder erstehen lassen so wie dich. Durch seinen Mund werde ich zu ihnen sprechen. Er wird euch alles verkünden, was ich ihm befehle.“
Deuteronomium 18,15-18

Der zweite bedeutende Abschnitt, in dem wir von der biblischen Hoffnung auf einen neuen Mose lesen, beschreibt das kommende Zeitalter der Erlösung mit Worten, die man von der Befreiung aus Ägypten kennt. Jesaja spricht von der kommenden Erlösung in der Bildsprache eines neuen Exodus‘.

Ich bin Jahwe, euer heiliger Gott, der Schöpfer Israels und euer König! So spricht Jahwe, der einen Weg durchs Meer gebahnt und euch sicher durch die Fluten geführt hat, der ausziehen ließ Streitwagen und Pferd, Heer und Held. Nun liegen sie zusammen da und stehen nicht wieder auf, ausgelöscht wie ein verglimmender Docht. Denkt nicht an das, was früher war, achtet nicht auf das Vergangene! Seht, ich wirke Neues! Es wächst schon auf. Merkt ihr es nicht? Ich bahne einen Weg durch die Wüste, lege Ströme in der Einöde an.
Jesaja 43,15-19

Kein anderer Autor des Neuen Testaments zeichnet dieses Bild von Jesus als neuem Mose so deutlich wie Matthäus.

 

Reden und ihre Verbindung zu Mose

 

Matthäus unternimmt sehr viel, um Jesus mit Mose in Verbindung zu bringen. Aber am offensichtlichsten wird es, wenn man sich das ganze Evangelium durchliest. Dann sieht man, dass Matthäus Jesus als Lehrer und Propheten par excellence darstellt. Im Unterschied zu Markus und Lukas finden wir bei Matthäus fünf eindeutige Reden. In anderen Worten: Der Autor fasst die Lehren Jesu in große Abschnitte zusammen. Obwohl diese Reden von verschiedenen Leuten unterschiedliche Titel bekommen haben, wird deutlich, dass Matthäus Jesu Lehren hier zusammenfasst, um ihn als neuen Propheten darzustellen.

Kapitel: Titel

5-7: Segen, Wie man in das Königreich kommt
10: Missionsbefehl
13: Gleichnisse über das Königreich
18: Reden über die Gemeinschaft
23-25: Leiden und das kommende Königreich

Darüber hinaus argumentiert B.W. Bacon, dass dieser Aufbau Teil von Matthäus‘ Versuch ist, sein Evangelium als neuen Pentateuch (die ersten fünf Bücher der hebräischen Schriften) zu präsentieren. Bacon deutet an, dass die Struktur des Evangeliums ein Muster von sich abwechselnden Reden und Erzählungen aufweist, die zusammen fünf „Bücher“ bilden. Bacon war der Ansicht, dass das Markusevangelium im Matthäusevangelium abgeändert wurde, um zu zeigen, dass er der Verfasser war, der durch seine Struktur über das Wesen des himmlischen Königreichs lehrte. In Bacons Theorie finden wir dafür Verfechter und Kritiker. Die Kapitel 1-2 als Prolog, und Kapitel 26-28 als Epilog zu bezeichnen, wird diesen wichtigen Abschnitten nicht gerecht. Auch Bacons Behauptung, dass der Pentateuch zwischen Erzählung und Reden wechselt, ist nicht ganz überzeugend.

Auch wenn es angemessen ist, einige dieser Kritikpunkte aufzeigen, mit seiner Grundannahme liegt Bacon trotzdem richtig. Matthäus fasst seine Lehren in großen Blöcken zusammen, und es gibt Beispiele für andere jüdische Literatur, die bewusst die Fünf-Buch-Struktur des Pentateuchs nachahmen. Der springende Punkt ist folgender: Mose wurde als Lehrer Israels bezeichnet und Matthäus stellt Jesu Lehren auf eine Weise dar, die ihn mit genau diesem Mose, dem Lehrer Israels, vergleichbar macht.

 

Mose und der Aufbau der Predigt

 

Auch wenn die ganze erste Rede (die Bergpredigt) mit dem Blick auf Jesus als den neuen Mose betrachtet werden kann, werde ich mich hauptsächlich auf den Aufbau der Predigt fokussieren. Vier Dinge zeigen, dass Matthäus Jesus als neuen Mose beschreibt, indem er auf den Berg steigt, um das neue Gesetz zu verkünden.

Als erstes setzt Matthäus die Predigt in den größeren Kontext der Ankunft eines neuen Propheten. Kurz vor der Predigt in Matthäus 4,12-17 erfährt Jesus, dass Johannes der Täufer ins Gefängnis geworfen wurde. Die Bedeutung von Johannes‘ Gefangennahme kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. In Matthäus 3 wird Johannes als Prophet des Alten Testaments dargestellt, und dennoch sagt Johannes vorher, dass einer kommen wird, der größer ist als er (Matthäus 3,11-12). Matthäus identifiziert Jesus durch den Bericht über seine Taufe sofort als denjenigen, der größer ist als Johannes.

Leser sollten sich dann auf den Übergang von Matthäus 4 zu Matthäus 5 einstimmen: Der alttestamentliche Prophet Johannes wird gefangengenommen und sein Dienst endet. Erst an diesem Punkt beginnt Jesus sein Wirken. Etwas sehr Wichtiges ist zu Ende gegangen, und etwas noch viel Wichtigeres hat begonnen. Johannes ist der letzte der alttestamentlichen Propheten (Matthäus 11,13-14) und als er von der Bildfläche verschwindet, beginnt eine endzeitlich neue Ära. Jetzt ist der Prophet gekommen und wird seine erste Lehre geben.

Als zweites erinnern die ersten Worte des Prologs der Predigt in Matthäus ebenfalls an mosaische Bilder. Die Worte „er stieg auf einen Berg“ sind ein wortwörtliches Zitat aus Exodus 19,3. In Exodus 19 lesen wir von Mose, wie er auf den Berg Sinai stieg, um das Gesetz zu empfangen. Wie andere bereits festgestellt haben, kommt dieser Ausdruck im griechischen Alten Testament nur dreimal vor. Dabei bezieht es sich jedes Mal auf Moses Aufstieg auf den Sinai (Exodus 19,3; 24,28; 34,4).

Drittens beschreibt Matthäus den Berg als „den Berg“. In der Regel verwendet Matthäus nicht den bestimmten Artikel, wenn er sich auf einen Berg bezieht, es sei denn, der Berg wird im vorhergehenden Kontext erwähnt (Matthäus 8,1; 17,9). Das ist eine sogenannte anaphorische Verwendung des Artikels. Aber in Matthäus 5,1 wird kein direkt darauffolgender Berg erwähnt. Das deutet darauf hin, dass es sich hier um die Verwendung des Artikels par excellence handeln könnte. Matthäus lädt zu einem Vergleich mit dem bedeutendsten Berg des Alten Testaments ein.

Schließlich beschreibt Matthäus, dass Jesus sich hinsetzt, um zu lehren. Das erinnert an die Haltung von Mose, als er auf dem Berg Sinai Gottes Gesetz empfing. Obwohl das Verb im Hebräischen umstritten ist, zeigen Hinweise im Talmud, dass die jüdischen Ausleger Deuteronomium so verstanden, dass Mose sich auf den Berg setzte. Alle drei Details stellen die Predigt in den Zusammenhang mit dem Sinai. Leider nehmen viele Menschen diese einleitenden, mosaischen Parallelen zwar zur Kenntnis, hören dann aber auf. Aber die Parallelen ziehen sich durch die ganze Predigt. Matthäus scheint es darum zu gehen, das Gesetz der Tora mit dem Gesetz des neuen Bundes zu verbinden. Jesus verkündet als neuer Mose die Lehre des neuen Bundes.

 

Schlussfolgerung

 

Bei Matthäus geht es um die Erfüllung. Genauer gesagt stellt Matthäus Jesus als den neuen Mose vor. Und das tut er, indem er Jesus in fünf Reden als Lehrer Israels präsentiert. Diese Reden spiegeln in gewisser Weise die fünf Bücher des Pentateuchs wider. Als Jesus dann seine erste Rede beginnt, gibt es vier Hinweise auf Jesus als den neuen Mose. Er beginnt sein Wirken nach dem letzten alttestamentlichen Propheten (Johannes der Täufer). Jesus steigt auf einen Berg, den Matthäus als „den Berg“ bezeichnet, und setzt sich schließlich hin, um zu lehren.

Obwohl Matthäus nie ausdrücklich sagt, dass Jesus der neue Mose ist, ist die von ihm verwendete Symbolik eindeutig. Jesus ist der neue Prophet, der den neuen Bund nicht mit dem Blut von Stieren und Böcken, sondern mit seinem eigenen Blut schließt.

 

Angepasster Auszug aus Matthew: Disciple and Scribe von Patrick Schreiner, (2019 erschienen). Verwendet mit Genehmigung von Baker Academic, einer Abteilung der Baker Publishing Group und übersetzt von BibleProject – Deutsch

 

Original von Patrick Schreiner
Übersetzung von Julia Pfeifer

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